Vor 15 Jahren: Starker Föhnsturm

Föhnzusammenbruch über dem Alpenhauptkamm. Foto: Claudia Hinz

Vor 15 Jahren, vom 14. bis 17. November 2002, fand am Alpenrand ein starker Föhnsturm statt, der auch an der Trasse der Wendelsteinbahn zu starken Schäden führte. In dieser Wochenserie möchten wir an dieses Ereignis erinnern und zeigen, wie es im damals stark verwüsteten Aipl heute aussieht.

Wie kam es zum Föhnsturm? Ein Tief über Westeuropa erzeugte eine Südwestströmung über den Alpen. In den Folgetagen wanderte es weiter nach Süden und verstärkte den Alpenföhn, so dass auf den Gipfeln Böen bis 233 km/h (Zugspitze; Wendelstein 199,4 km/h) und selbst in den Tälern bis 120 km/h gemessen wurde. Dabei war die Windsituation aber lokal sehr unterschiedlich, da die Strömung durch Abschattungen und Düseneffekte modifiziert wurde.

Am Wendelstein war besonders Aipl betroffen, wo der Sturm im Mühlbachtal gebündelt wurde und die Bäume durch die bodennahe Angriffsfläche wie Streichhölzer umlegte. Nur wenige Bäume konnten dem Sturm widerstehen.

Auf dem Gipfel war von all dem nichts zu merken. Claudia Hinz, die damals ihren Dienst an der Wetterwarte auf dem Wendelsteingipfel verrichtete, erinnert sich: „Ich hatte das Glück, im gesamten Zeitraum meinen Dienst an der Wetterstation Wendelstein verrichten zu dürfen und somit dieses meteorologische Ereignis hautnah zur erleben. Bereits am 15.11. war es auf dem Wendelsteingipfel recht stürmisch und Föhnwolken sowie Niederschlagsstreifen in den Zentralalpen zeugten von den Starkniederschlägen, die auf der Alpensüdseite niedergingen (Foto). Aber noch gab es keinen Föhndurchbruch bis in die Alpentäler und es war dort noch nahezu windstill. Die Fernsicht war ausgezeichnet, selbst der große Arber im bayrischen Wald war zum Greifen nah. Es war heiter und bei Temperaturen bis zu 8 Grad waren die maximalen Windgeschwindigkeiten um 125 km/h gut zu ertragen.

Am 16.11. bot sich ein ähnliches Bild wie am Vortag, der Wind kam mit 145 km/h schon ein bisschen heftiger daher, aber dennoch war es draußen bei ähnlichen Temperaturen wie am Vortag recht angenehm. Über dem Alpenhauptkamm türmten sich die Föhnwolken, was sehr eindrucksvoll anzusehen war.

Sich auftürmende Föhnwolken. Foto: Claudia Hinz

Für den 17. war das Maximum des Föhnsturms vorhergesagt. Solche Wetterlagen begeistern mich sehr, deshalb freute ich mich auf diesen weiteren Föhntag auf dem Wendelsteingipfel. Der Wind hatte nach einer kurzen Beruhigung in der Nacht zuvor erneut aufgefrischt und fegte bereits in den frühen Morgenstunden mit 130 km/h über den Gipfel. Die Sicht war bei weitem nicht mehr so gut wie an den Vortagen. Die 80km entfernte Zugspitze war nur noch sehr dunstig erkennbar und wurde immer wieder von Wolkenfetzen eingehüllt. Die aufgehende Sonne hüllte den Alpenhauptkamm in ein seltsames gelblichbraunes Licht und die angeleuchteten Niederschlagsstreifen gaben der Landschaft ein fast unheimlich anmutenden Anstrich.

Als ich bei den Kollegen des Bayrischen Rundfunks (ca. 100 Höhenmeter tiefer) kurz zu Besuch war, beobachteten wir, wie die Bänke des Wendelsteinhauses wie von Geisterhand getragen wild umher rücken. Die Touristen (die es trotz Föhnwarnung nicht lassen konnten, den Tag für einen Gipfelsturm zu nutzen) hatten stark zu kämpfen, noch gerade stehen zu können und klammerten sich in gebückter Haltung am Geländer fest. Die am Berghang herabfallenden und sich durch Hinternisse verwirbelnden Winde, zogen ihnen regelrecht die Beine weg. Das Dach des Bergbahnhofes der Seilbahn hatte sich teilweise gelöst und krachte immer wieder hin und her. Und nicht lange danach kam wie aus dem Nichts die Satellitenschüssel des Bayrischen Rundfunks am Fenster vorbeigeflogen und auch die Kontrolleinrichtung der Sendeanlage schlug Alarm. Starke Stromschwankungen und -ausfälle waren wohl die Ursache für mehrere Ausfälle.

Mit ungutem Gefühl fuhr ich wieder nach oben in die Wetterstation. Nicht zu früh, wie sich zeigte. Der automatische Temperatursensor hatte sich aus der Halterung in der Wetterhütte gelöst und pendelte hin und her. Ich befestigte das aus Glas bestehende Meßinstrument mit Draht und hoffte, daß es irgendwie halten würde. Die manuellen Glasthermometer entfernte ich vorsorglich aus der Hütte.

Die Wingeschwindigkeit hatte inzwischen 155 km/h erreicht und es wurde Zeit, mal wieder die aktuelle Wetterlage am PC zu checken. Die enormen Temperaturunterschiede zwischen Alpenhauptkamm (-5°C in 3400m) und einigen Tälern (Zell am See: 25°C, Abtenau: 23°C) zeugten davon, daß der Föhn verbreitet bis in die Täler durchgebrochen ist. Wenn sich die Luft durch die nach Norden ausgerichteten Täler zwängt, entsteht eine regelrechte Düsenwirkung und die Windgeschwindigkeiten nehmen noch einmal deutlich zu. Es war also davon auszugehen, daß die Windwerte in den Tälern zum Teil noch höher lagen, als die an den Meßstationen registrierten Werte. Es muß also enorme Schäden gegeben haben, über deren Ausmaß ich allerdings bis dato nur spekulieren konnte.

Also durfte zu diesem Zeitpunkt noch die Freude über dieses ungewöhnliche meteorologische Ereignis überwiegen. Ich beobachtete, wie die zerfetzte Föhnmauer immer näher rückte und einen Gipfel nach dem anderen unter sich begrub. Noch immer war die Landschaft in gespenstiges Licht getaucht, so als wollte sich das Unheil, welches sich währenddessen in den Tälern abspielte, am Südhorizont wiederspiegeln.

Doch was sich in den tieferen Regionen wirklich abspielte, erfuhr ich erst durch einen verzweifelten Anruf des Chefs von der Zahnradbahn. Er berichtete davon, daß die Bäume wie Streichhölzer wegknicken und einen Großteil der Oberleitungen beschädigt waren. Die Schienen waren über und über mit Bäumen übersäht. Seine brennende Frage, wann dieser Sturm denn endlich aufhörte, konnte ich nicht beantworten, denn noch nahm der Orkan fast minütlich zu.

Schäden an der Wendelsteinbahn. Foto: Archiv Wendelsteinbahn

Bei 180 km/h ereilte den Feuchtefühler in der Wetterhütte das gleiche Schicksal, wie den Temperatursensor zwei Stunden zuvor. Doch diesmal konnte ich nichts weiter machen, als die utopischen Feuchtewerte per Hand zu korrigieren, denn der enorme Winddruck ließ ein Öffnen der Außentür einfach nicht mehr zu. Außerdem hatte ich inzwischen von der Mitteralm und vom Wendelsteinhaus von den Rettungsaktionen mehrerer Touristen gehört, die in den beiden Bergquartieren nun Notunterschlupf fanden. Es war einfach zu gefährlich, bei diesen Winden auf dem nach beiden Seiten hin steil abfallenden Gipfel allein herumzutappen. Zumal die Windgeschwindigkeit inzwischen zielsicher ihrer Rekordmarke von 199,4 km/h entgegenstrebte…

Zwischenzeitlich wurde ich von einigen Totalausfällen auf Trab gehalten, die vermutlich ebenfalls durch starke Stromschwankungen hervorgerufen worden. Irgendwann war es auch wieder möglich, den Feuchtefühler auszuwechseln, der wirklich arg mitgenommen aussah!!

Der Sonnenuntergang wirkte an diesem Tag so, als verschwinde unser Tagesgestirn in der Hölle. Dicke dunkle Wolken hüllten die Landschaft ein und schoben sich unaufhörlich näher. Der Föhn brach in wahnsinniger Geschwindigkeit zusammen und hinterließ ein Feld der Verwüstung.

Die Liste der Schäden dieses Tages ist groß: Kahlschlag in Österreich und Oberbayern, Murenabgänge in Italien, Erdrutsche in der Schweiz, Hochwasser in Frankreich, sowie 7 Todesopfer im Alpengebiet ist die traurige Bilanz dieses Tages.

Als ich schließlich mit der Zahnradbahn ins Tal fuhr und den Kalschlag in Aipl sah, blutete mir das Herz. Von dem ehemals herrlich dichten Waldgebiet war nicht mehr viel übrig.“

Schäden in Aipl. Foto: Archiv Wendelsteinbahn

Der Föhnorkan vom 14. bis 17. November 2002 ist aufgrund der Windgeschwindigkeiten und der Dauer des Zeitraumes, in dem die Orkanböen auftraten eines der stärksten Föhnwetterereignisse seit Beginn der meteorologischen Messreihen. Auch heute stehen in Aipl noch einige Zeitzeugen, die an das Ereignis vor 15 Jahren erinnern, Aber es ist auch erstaunlich, wie schnell sich die Natur erholt hat und wie alles neu ergrünt ist!

Aipl heute. Fotos: Claudia Hinz

 

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