Trauriges Jubiläum – 10 Jahre Schließung der Wetterwarte Wendelstein

Die Wetterstation im Winter

Der 21.09.2012 war für mich ein schwerer Tag, als um 15.30 die 129-jährige Wetterbeobachtung am Wendelstein endete. Nicht nur persönlich, weil ich meinen liebgewordenen Arbeitsplatz und mein Zuhause im Inntal verlassen musste. Ich durfte von 1999 bis zuletzt auf dem Wendelstein arbeiten und es war ein Arbeitsplatz, auf dem man nicht nur nach Vorschrift Dienst machte, sondern seine Seele einbrachte (und ein Stückchen auch zurück ließ). Auch die Beendigung der langen Messreihe ließ mir das Herz bluten.

Meine Vorfahren hatten noch unter ganz anderen Bedingungen gearbeitet und mit viel persönlichen Einsatz diese lange Datenreihe geschaffen, mit denen die klimatologischen Bedingungen auf fast 2000 Metern sichtbar gemacht und der Klimawandel in den Alpen dokumentiert wurde.

Auf dem Wendelstein fand das Wetter nicht am Himmel statt, sondern oftmals in Augenhöhe. Man war also mittendrin, sozusagen als Teil des Wetters. Ich liebte es, wenn die zahlreichen Föhnstürme für unglaubliche Stimmungen sorgten, Irisierende Wolken vorbeischwebten, sich im Tal Regenbögen zeigten oder das Glorien-umringte Brockengespenst im letzten Abendlicht den Berg erklomm.

Wegen seiner exponierten Lage wurden auf dem Wendelstein immer wieder sehr hohe Windgeschwindigkeiten gemessen, zum Beispiel während Föhnwetterlagen oder beim Durchzug atlantischer Sturmtiefs. Bei Weststurm kommt noch ein besonderer Effekt hinzu – vor einer aufziehenden Front werden die Winde am Nordrand der Alpenbarriere durch eine Art Düsenwirkung zusätzlich verstärkt. Beim Orkan KYRILL im Januar 2007 wurden in einer Windböe 201,7 km/h erreicht, beim Orkan LOTHAR am 26. Dezember 1999 waren es 259 km/h und unter Sturm VIVIAN am 27.02.1990 sogar 265km/h.

Die Messdaten waren zudem nicht nur für die Wettervorhersage wichtig, sondern vor allem auch für die Bestimmung der Schneefallgrenze, der Höhe der Wolkenobergrenze und für die Föhnvorhersage, da die Düsenwirkung des Inntals für besonders heftigen Föhn sorgt. Wie zum Beispiel der Föhnsturm vom 14. bis 17. November 2002, der nicht nur für starke Zerstörungen im Tal, sondern für mich zu einer besonders intensiven und unvergesslichen Zeit am Wendelstein führte, da eine Ablösung nicht möglich war.

Der letzte Tag am Wendelstein verabschiedete sich mit einem apokalyptisch anmutenden Abendrot, so, als würde dem Berg das Herz genau so bluten, wie mir … (Claudia Hinz)

Apokalyptischer Abschied

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Höhlenführung

Am Samstag, 13. August geht es mit Höhlenforscher Peter Hofmann aus Brannenburg wieder tief ins Innere des Wendelsteins. Bei seiner geführten Tour durch die Wendelsteinhöhle wird klar, wie vielseitig und faszinierend Höhlenforschung sein kann. Nicht nur die Entstehungsgeschichte oder Lebewesen in der Höhle sind hier Thema, sondern v.a. auch der Aspekt „Mensch und Höhle“. Hier z.B. ein Fundstück aus der Wendelsteinhöhle aus dem Jahr 1886. Auf diesem einfachen Zettel, der in einer Phiole steckte, haben sich die Ersterforscher verewigt. Darunter Max Kleiber, Erbauer der Wendelsteinkirche. Info und Anmeldung zur Höhlenführung am Wendelstein unter: https://www.wendelsteinbahn.de/hoehlenfuehrung-am-wendelstein

Fundstück aus dem Jahr 1886. Gefunden 2009 in der Wendelsteinhöhle von Hans Vogt. Foto: P. Hofmann

Talgeschichte(n)

Der Wendelstein ist einer der berühmtesten Berge Bayerns – und er war lange der berühmteste, noch vor der Zugspitze, das zeigt das neue Buch „Talgeschichte(n)“ des BR-Journalisten Andreas Estner. Der Wendelstein zählt in seiner Geschichte so viele Superlative, wie kein anderer Berg in Bayern. 1718 wurde die Gipfelkapelle errichtet – es ist die älteste Gipfelkapelle der Bayerischen Alpen. Schon 1780 wurde der Wendelstein offiziell erstbestiegen von Lorenz von Westenrieder einen Bericht verfasste, wie ein Everest-Besteiger: „Ich bin noch am Leben, denn ich schreibe, wenngleich an einem Ort, wo noch keines Menschen Hand geschrieben, vielleicht keine mehr schreiben wird …“.

Gut hundert Jahre später wurde das Wendelsteinhaus wurde eröffnet: Das erste Bergunterkunftshaus der Bayerischen Alpen. Schon 1886 bekam es eine Telefonleitung ins Tal – zu einer Zeit, in der es in den Ortschaften noch kein Telefon gab! Das Wendelsteinhaus war eines der modernsten Berghäuser der Ostalpen. In der Prinzregentenzeit kam der nächste Paukenschlag: Die erste Bergbahn der Bayerischen Alpen sollte gebaut werden. Entweder von Feilnbach oder von Bayrischzell auf den Wendelstein. Ein schwindelerregender Wettlauf dauerte fast 10 Jahre. Letztendlich wurde die Zahnradbahn von Brannenburg auf den Wendelstein gebaut und wenig später das erste Berghotel der Bayerischen Alpen. Eine logistische Meisterleistung und ein Paukenschlag in der deutschen Tourismusgeschichte. Binnen weniger Wochen entstand so etwas wie der erste Massentourismus, berichtete der Rosenheimer Anzeiger am 24.  August 1912 mit einem Augenzwinkern: „Bergfreunde in kurzer Wichs, Salontiroler von der Wasserkante, Elegants in Lackschuhen, Kinder mit ihren Erzieherinnen, ältere Ehepaare, welche nimmer den Weg zum Wendelsteingipfel bezwängen, freuen sich hier der Bergschönheit und bieten ein buntes Bild, das zu schauen stundenlang unterhält.“

Schon damals, zwei Monate nach der Jungfernfahrt, gab es übrigens die ersten Umweltprobleme. Der Miesbacher Anzeiger berichtete am 2. Juli 1912 über die Zustände:„Die Kellnerinnen werfen Massen von Wurst- und anderen Papieren einfach den Berg hinab, was bei der langsamen Verwitterung des Papiers bald zu einer abscheulichen Verunzierung der Landschaft führen muß. Freilich müßte auch das Publikum selbst durch energische Verordnungen und Mahnungen, vor allem an Anfang und Ausgang des Gipfels daran erinnert werden, alle Papierabfälle, Orangen- und Bananenschalen gefälligst wieder mit herunterzunehmen, sonst wird in ein paar Jahren der schöne Berg eine Filiale der Puchheimer Müllstation.“

Das Buch Talgeschichte(n) erzählt die Geschichte des Wendelsteins ausführlich und dazu noch viel mehr. Mit vielen Fotos ist „Talgeschichte(n)“ ein Lese- und Bilderbuch, das vertraute und neue Einblicke gibt in die Geschichte des oberen Leitzachtales und der gesamten Wendelsteinregion.

Talgeschichte(n) – Kultur, Historie und Lebensart im oberen Leitzachtal
552 Seiten, mit vielen historischen Fotos und Abbildungen
Preis: 54.- Euro
ISBN 978-3-00-070742-1

Infos auch unter: www.talgeschichten.com

Gedicht zur Wendelinkapelle

Wendelinkapelle Abendrot

Foto: Claudia Hinz

D’Kapelle drobm am Wendlstoa
Gedicht von Sebastian Gerbl sen.

300 Jahr und am Anfang ganz alloa,
stehts drobm d’Kapa’in am Wendlstoa,
aus Bretta und mit Stoa erbaut,
Sie friedlich übas Land naus schaut
Ois Zeichen großer Frömmichkeit,
erbaut aus Dank von Bauersleut.

Bei Schweiß und Plag, so konn man song,
Hamms d’Bretta üban Berg nauf trong,
fürn Hl. Wendelin dem Schutzpatron
weil’s d’Rössa wieda gfundn ham.
’s war domoois g’wiss a harte Zeit,
koa Übafluss a so wie heit.

Hot Sturm und Wetta übawundn
bei Schnee und Regn, koa Schonung g’fundn.
Sie is‘ imma wieda hergricht worn, von Leut
nach Schaden durch den Zahn der Zeit.
Sie stehts jiatzt drobm, so fein und sauber
und fängt uns ei, mit seinem Zauber.
Als Zeichen gilts weitum bekannt,
ein Kleinod fürs ganz Bayernland.

Gedichte rund um den Wendelstein

Wendelstein-372012

Alpenrose 

Lieb Alpenrose, Almenrausch
schau so gern zu Dir hin,
wenn ich am Berg dem Winde lausch
und in Gedanken bin.

Empor gekämpft in Schotterstein,
das Haupt zum Licht gewand.
Steht königlich am Wegesrain,
regiert das Alpenland.

Als rotes Herz am grünen Hang,
zu Füßen liegt die Welt,
sie manchen Bergespfad entlang
den Wanderer erhellt.

Lieb Alpenrose, Almenrausch
Schau so gern zu Dir hin,
wenn ich am Berg dem Winde lausch
und in Gedanken bin.

(Claudia Hinz)

Dieses und weitere Gedichte sind jetzt auch als Zusammenstellung im Menupunkt Lieder und Gedichte zu finden. Sollten Sie weitere Werke kennen oder gar selbst welche verfasst haben, dann können sie uns diese gern zusenden und wir nehmen sie dann in unsere Sammlung auf.